Estlands einzigartiges E-Health-System: Tausende Datenfelder, eine persönliche Gesundheitsakte

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  • 13.10.2017 11:45

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E-Health-Lösungen sparen viel Zeit. (Foto: Annika Haas/EU2017EE)

Die estnische E-Health-Lösung ist ziemlich einzigartig in der Welt, denn es kann nicht nur von allen Gesundheitsexperten und Patienten genutzt werden, sondern seine Nutzer haben auch die Möglichkeit, anderen Zugang zu ihrer digitalen Gesundheitsakte zu geben. So kann man zum Beispiel seine persönliche Gesundheitsakte dem Ärzteausschuss der Streitkräfte oder der öffentlichen Straßenbauverwaltung zugänglich machen, um seine Berufsunfähigkeit geltend zu machen.

Autor dieses Blogartikels des estnischen Sozialministeriums (in Estnisch) ist Mari Asser, Datenarchitektin und Leiterin Standardisierung im Zentrum für Gesundheits- und Wohlfahrtsinformationssysteme.


Allgemeinärzte und Fachärzte in Estland laden Diagnosen, Analysen und Testresultate sowie Behandlungsentscheidungen und verschriebene Rezepte usw. auf einer zentralen nationalen Datenbank hoch - dem Gesundheitsinformationssystem. In einer Notsituation kann der Notfalldienst direkt eine elektronische Erste-Hilfe-Karte erstellen. Wenn der Patient während der Notsituation identifiziert werden kann, hat der Notfalldienst über das Gesundheitsinformationssystem unmittelbar alle verfügbaren Informationen zum Patienten zur Hand.

Alle Ärzte und Pflegepersonal in Estland sind gesetzlich verpflichtet, behandlungsbezogene Informationen in das Gesundheitsinformationssystem einzutragen. Das gilt sowohl für Arztbesuche, die vom Estnischen Gesundheitsversicherungsfonds gedeckt werden, als auch für Arztbesuche, für die der Patient privat aufkommt.

Wie funktioniert der Datenaustausch?

Es werden hauptsächlich universelle Datentransferformate genutzt, unabhängig von der Art des Arztes, der die Daten einpflegt, oder der medizinischen Behandlung. Die ambulante Epikrise, die eine Zusammenfassung des Besuchs oder der Behandlung beinhaltet, ist der meist eingepflegte Datensatz. Ärzte können zudem elektronische Empfehlungen oder Empfehlungsrückmeldungen erstellen. Alle Informationen müssen innerhalb eines (für ambulante Rezeption) oder fünf (für Krankenhausaufenthalte) Arbeitstagen in das zentrale Informationssystem eingetragen werden, das ist gesetzlich vorgeschrieben.

Es gibt eine Standardnutzung für den Datenaustausch, d.h. einerseits, dass es eine Vereinbarung zwischen dem Staat und den Ärzten gibt, welche Informationen über bestimmte Behandlungsprozesse eingetragen werden müssen, und andererseits, dass dieser Standard als Informationstechnologiesprache dient. Auf diese Weise sind die Daten im Informationssystem nachvollziehbar und sie können verarbeitet werden, und zudem, falls nötig, von anderen vom Staat angebotenen E-Services genutzt werden. In Estland ist das Zentrum für Gesund und Wohlbefinden (Tervise ja Heaolu Infosüsteemide Keskus) verantwortlich für die Standardnutzung.

Der Prozess ist organisiert, sodass Daten nur einmal eingetragen werden müssen, jeder Arzt in Estland nutzt sein eigenes Informationssystem - von denen ungefähr 20 von estnischen Krankenhäusern, Allgemeinärzten und Fachärzten genutzt werden. Medizinische Fachangestellte, die kein eigenes Informationssystem nutzen, können das staatliche Ärzteportal (Arstiportaal) nutzen. Vom ärztlichen Informationssystem werden die Patientendaten über die geschützte X-Road zum zentralen Gesundheitsinformationssystem übertragen, wo die Informationen sowohl für Ärzte als auch Patienten verfügbar sind.

Wer kann welche Daten einsehen?

In Estland sind Gesundheitsdaten per se offen zugänglich, das bedeutet, dass Gesundheitsexperten Daten abfragen dürfen, egal, ob der Patient seine Daten im System zugänglich gemacht hat oder nicht. Gesundheitsexperten sind befugt, Daten abzufragen, wenn sie ein bestehendes Behandlungsverhältnis mit dem Patienten haben. Ein Behandlungsverhältnis beginnt dann, wenn der Patient einen Termin vereinbart oder der Patient Erste-Hilfe-Leistungen erhält. Das Behandlungsverhältnis endet, mit Blick auf E-Health, wenn der Gesundheitsexperte seine Arbeit am Patientendokument erledigt hat und die Informationen ins Gesundheitsinformationssystem eingetragen und bestätigt wurden.

Doktoren können auch nach Informationen, die von anderen Doktoren hochgeladen wurden, fragen – unabhängig vom Fachbereich des jeweiligen Doktors. So kann ein Zahnarzt die Notfallkarte einsehen und ein Gynäkologe hat Zugriff auf Ergebnisse vom Zahnarzt, wenn dies der Versorgung des Patienten dienlich ist.
Doktoren und Pflegepersonal haben die ethische Pflicht, zu überprüfen, ob ihr Zugriff auf personenbezogene Daten rechtfertigbar ist. Gleichzeitig sind sich die meisten Doktoren einig, dass eine komplette Übersicht über den Zustand eines Patienten die Findung der richtigen Behandlungsmaßnahmen stark vereinfacht, da die Daten aus einem Fachbereich für Entscheidungen in einem anderen Fachbereich entscheidend sein können.

Patienten sind im Besitz der Informationen und können Entscheidungen darüber fällen

Alle Patienten können ihre Informationen im Staatlichen Patientenportal (in Englisch) einsehen und auch nachverfolgen, wer auf ihre Gesundheitsdaten (und welche genau) zugegriffen hat. Sie können sehen, welche Rechnungen ihre Ärzte an den Estnischen Krankenversicherungsfonds geschickt haben. Das System als solches ist transparent und ermöglicht es allen Bürgern, zu sehen, wie viel Geld ihre Behandlung gekostet hat

Die Patienten können dieselben medizinischen Daten einsehen, auf die auch Doktoren und Pflegepersonal Zugriff haben, zum Beispiel Diagnosen, Tests, Details zu Operationen und digitale Rezepte. Momentan können medizinische Bilddaten nicht eingesehen werden, aber alle Verweisungsantworten im Bezug auf jene Bilder sind für den Patienten einsehbar. 

Das Patientenportal ist sowohl über Mobile ID als auch den chipgestützten Personalausweis zugänglich. Neben der Einsicht in Gesundheitsdaten bietet das Portal auch die Möglichkeit, Erklärungen zur Organspende abzugeben oder einen rechtlichen Vertreter festzulegen, der im Zweifelsfalle Zugriff auf die Gesundheitsdaten des Patienten zugreifen kann. Diese Lösung wurde in erster Linie für ältere Menschen entwickelt, die aus verschiedenen Gründen womöglich nicht allein E-Dienstleistungen nutzen können, aber die Informationen trotzdem an Dritte weitergeben wollen.

Man kann jederzeit seine Daten unzugänglich machen, entweder komplett oder bei ausgewählten Dokumenten. Wenn ein Bürger diese Entscheidung trifft, wird er vom System informiert, dass diese Maßnahme auch die Verfügbarkeit von für Behandlungen relevanten Gesundheitsdaten einschränken kann. Diese Option wird jedoch nicht oft genutzt – seit dem Beginn der Datenerhebung im Zentralen Gesundheitsinformationssystem im Jahre 2008 haben nur knapp 500 Menschen diese Entscheidung getroffen. Dies zeigt, dass die meisten Esten E-Dienstleistungen als nützliche und sichere Lösung ansehen.

E-Health spart Zeit und Geld

Das Gesundheitswesen ist schon lange nicht mehr der einzige Bereich, in dem E-Health-Daten verarbeitet werden. Patienten können außerdem zustimmen, dass die Daten im Gesundheitsinformationssystem genutzt werden können, um Behinderungen festzustellen, die Arbeitstüchtigkeit zu ermitteln, oder die Gesundheit vor dem Wehrdienst zu kategorisieren. Außerdem sind elektronische Gesundheitszertifikate weit verbreitet; dadurch können Führerscheine per Post verschickt werden, da die notwendigen Gesundheitsdaten für die Prüfung der körperlichen Tüchtigkeit bereits vorliegen – die Entscheidung bezüglich des Gesundheitszertifikates wird in diesem Fall elektronisch vom Doktor an das Straßenverkehrsamt übertragen.

Diese Lösungen sparen wertvolle Zeit – wenn eine Person zum Doktor geht und die Daten digital existieren, können sie auch wieder benutzt werden. Dadurch können unnötige Tests verhindert werden und Patienten müssen nicht länger Papierdokumente vorzeigen.

Die Zusammenführung und wiederholten Nutzung von Gesundheitsdaten kann auch im Gesundheitsmanagement wertvoll sein, um zu analysieren, wie effektiv verschiedene Behandlungsmaßnahmen sind; so können die besten Behandlungsansätze schneller identifiziert und finanziell gefördert werden. Ein gutes Beispiel ist das Krebsvorsorgeregister, welches die Ergebnisse der Untersuchungen zentral speichert und es einfacher macht, die Effektivität und Qualität von Vorsorgeprogrammen zu untersuchen und zeitgleich epidemiologische Studien mit Informationen zu stützen.

Das Ziel der Regierung ist es, Patienten dank E-Health die richtige Behandlung zum richtigen Zeitpunkt zukommen zu lassen. Die Gesundheitsdaten müssen zeitig in das Gesundheitsinformationssystem eingetragen werden, da die Informationen für Doktoren direkt zugänglich sein müssen, wenn sie Entscheidungen über Behandlungsansätze treffen. Gleichzeitig ist es wichtig für Doktoren und Pflegepersonal, schnellen und einfachen Zugang zu jenen Daten zu haben. Dadurch müssen Doktoren nicht für jedes einzelne Dokument einen Transferbescheid einsenden, um die erwünschten Informationen zu erhalten; das bedeutet auch, dass mehr Zeit zur Behandlung der Patienten bleibt.

E-Health-Lösungen entwickeln sich ständig weiter und müssen mit den neuesten innovativen Ansätzen Schritt halten. Sie müssen an neue Behandlungsmethoden angepasst werden. Letztlich orientiert sich das gesamte Angebot an den Wünschen der Patienten.