Anne Erm: „Jazzpresent to Europe“ – estnischer Jazz erobert die Welt im Sturm

  • Einblicke
  • 19.12.2017 15:09

#eu2017ee #ev100 #Estonia100

Peedu Kass
Peedu Kass und sein Trio gehörten zu den estnischen Jazzkünstlern die im Rahmen des Jazzgeschenks für Europa groß aufspielten (Foto: peedukass.com)

Estnischer Jazz ist in internationalen Jazzclubs und Konzertsälen keine Neuheit, ist aber bisher doch recht selten gespielt worden. Das hat sich nun geändert: Estnischer Jazz ist bekannter denn je und das Interesse an estnischer Jazzmusik ist gestiegen, sowohl in Estland als auch außerhalb. Aber woran liegt das?

Estnischer Jazz ist aufregend und einzigartig

In den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern haben sich estnische Jazzmusiker größtenteils mit russischen und sowjetischen Jazzmusikern ausgetauscht und auf entsprechenden Bühnen gespielt. Das größte und eindrucksvollste Beispiel dafür war die estnische Jazzparade auf dem Tbilisi ’78 Festival, an das sich die Menschen bis heute noch gern erinnern. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Anfang der neunziger Jahre haben estnische Jazzmusiker vermehrt mit westlichen Künstlern auseinandergesetzt und dadurch auch von Konzertveranstaltern wahrgenommen.

Das Jazzkaar-Festival im Jahr 1997 dann damit begonnen, gezielt ausländische Journalisten anzuschreiben; es kamen in dem Jahr Jazzkritiker aus den Vereinigten Staaten, Russland, Finnland und anderen Ländern, die anschließend in ihre Länder zurückkehrten und vom estnischen Jazz berichteten. Dieser Trend hat sich bis heute weiter entwickelt. Viele Auslandsjournalisten sowie Vertreter von Agenturen und Veranstaltern besuchen jedes Jahr Jazzkaar und die Tallinn Music Week und sind nun mit den besten estnischen Jazzgruppen vertraut. Jazzkaar hat bisher ebenfalls vielen Kollaborationen zwischen estnischen und ausländischen Musikern die Bühne angeboten, wodurch gemeinsame Alben und Tourneen zustande gekommen sind. 

Die Jazzszene mit ihren jungen, motivierten Musikern ist äußerst belebt und neue Ideen werden jeden Tag weiter ausgeführt.

Die Unterstützer der estnischen Jazzmusiker – neben der Estnischen Jazz-Union auch Schulen, in denen Jazz gelehrt wird – haben über die Zeit gelernt, die Künstler effektiver und besser zu fördern. Es gehört mittlerweile zum Selbstverständnis für Jazz-Studenten, auch im Ausland zu studieren; so kollaborieren estnische Jazzgruppen ständig mit ausländischen Musikern. Glücklicherweise gibt es genügend gute Jazz-Festivals in Estland, in denen Künstler ihre neuen Stücke und Alben dem Publikum präsentieren können.

Als sich die Möglichkeit bot, im Rahmen der estnischen Hundertjahrfeier den estnischen Jazz weiter in der Welt zu verbreiten, gab es schon ein äußerst unterstützendes Umfeld für diese Planung. So kontaktierten die Estnische Jazz-Union und Jazzkaar also die Veranstalter von Festivals in Brüssel, London, Berlin, Hamburg, sowie den finnischen Städten Tampere und Pori…und alle Veranstalter waren absolut begeistert von der Idee, dem estnischen Jazz eine größere Bühne zu bieten.

Warum?

Vielleicht war der Zeitpunkt einfach perfekt, weil estnischer Jazz eine neue, erfrischende Perspektive bietet. Vielleicht weil das Publikum keinen Gefallen mehr am üblichen nordischen Jazz gefunden hat.

An den internationalen Festivals nimmt die absolute estnische Jazz-Elite teil. Wenngleich sie alle bereits außerhalb von Estland aufgespielt haben, wurde ihnen nie so viel internationale Beachtung geschenkt wie während der Herbstreihe „Jazzpresent to Europe“. Der Erfolg dieser Vorzeigeveranstaltungen für die estnische Jazzkultur wurde von Jazzkaar, der Estnischen Jazz-Union, Estland 100, dem Estnischen Tourismusverband des Enterprise Estonia, dem Kultusministerium, den estnischen Botschaften, Konzertveranstaltern in ganz Europa und natürlich den estnischen Musikern veranstaltet. Ohne ihre Hingabe und Unterstützung wären diese großartigen Vorstellungen ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.

Der Triumph der estnischen Jazzmusik in der ganzen Welt

Die erste Vorstellung der estnischen Jazzkünstler fand am 12.-13. Dezember in der berühmten Konzerthalle Flagey statt. Die große internationale Gruppe Maria Faust Sacrum Facere trat gemeinsam mit der belgischen Gruppe De Beren Gieren auf, gefolgt vom Trio Peedu Kass Momentum mit dem LG Jazz Collective auf dem B-EST Jazz Fest 2017.

Beide estnischen Künstlergruppen spielten mit ihren belgischen Kollegen in einer Liga. Die Gruppe Maria Faust nahm am berühmtesten europäischen New-Music-Festival, dem Tampere Jazz Happening, sowie am We Jazz in Helsinki und Konzerten in Dänemark, Schweden, Italien und weiteren Ländern teil. Sacrum Facere wurde freudig in Brüssel empfangen und überzeugte das Publikum mit traditionellen estnischen Klängen und vielschichtigen Stücken, die immer wieder Emotionen hervorriefen. 

Alle Freunde der estnischen Jazzmusik haben sich auch über die Anerkennung für Maria Faust vonseiten der dänischen Musikawards am 4. Dezember gefreut. Maria Faust wurde zum besten Jazz-Komponisten gekürt und erhielt für das Album „In the Beginning“ den Preis „Bestes Jazz-Vocal-Album“. Teile dieses Albums wurden gemeinsam mit einem internationalen Team um die dänische Sängerin Kira Skov auf dem Eröffnungskonzert des letztjährigen Jazzkaar-Festivals gespielt.

Peedu Kass Momentum hat als Jazz-Gruppe dem traditionellen Ansatz neues Leben eingehaucht, indem die Führungsrolle und kreative Zugaben innerhalb der Gruppe verteilt wurden. Gemeinsam wurden sie als erste estnische Band in das offizielle Programm eines großen europäischen Jazz-Events aufgenommen: Das jazzahead!-Festival in Bremen im Jahr 2015. Dies ist das größte Showcase-Festival in Europa, wo alle Jazzkünstler ihr Talent unter Beweis stellen wollen. Jedes Jahr nehmen hunderte Jazzfestival- und Konzertveranstalter, aber auch Journalisten und Experten teil.

Neben den mitreißenden Stücken von Peedu Kass Momentum war das Publikum auch von den improvisierten Parts und der musikalischen Reise von Valga nach Brüssel beeindruckt. Die eingängigen Melodien und detailreichen Auftritte haben der Gruppe Auftritte in Australien, Kanada und vielen anderen Ländern ermöglicht.

Dieses Jahr wurde das Tampere Jazz Happening zum European Festival of the Year gekürt (vergeben vom European Jazz Network), da es ein innovatives Festival mit einer Vielzahl von verschiedensten Programmangeboten ist. Trotz der geografischen Nähe zu Estland waren die Veranstalter skeptisch, ob estnischer Jazz dem finnischen Publikum gefallen würde. Auch hier wurden die Kritiker von den exzellenten Vorstellungen auf dem Jazzkaar-Festival und der Tallinn Music Week überzeugt. Das Kirke Karja Quartett, das Duo Kadri Voorand und Mihkel Mälgand und Heavy Beauty mit dem Gitarristen Jaak Sooäär wurden alle nach Tampere eingeladen.

Ein ganzer Abend wurde der Musik eines einzelnen Landes gewidmet – dieses Jahr fand „Spotlight on Estonia“ am Eröffnungstag des Festivals statt. Der äußerst geräumige Club Tullikamarinaukio war prall gefüllt mit interessierten Jazzliebhabern. Die Atmosphäre im Club war gespannt; ein Kennerpublikum hatte sich eingefunden und wollte die estnischen Musiker und ihre Lieder kennenlernen. Auch Journalisten und Veranstalter aus verschiedensten Ländern waren mit dabei.

Die Vorstellung der estnischen Jazzmusik in Finnland war ein absoluter Volltreffer. Die Karten waren restlos ausverkauft und mit den letzten Klängen des Abends hatte jeder eine neue Lieblingsband gefunden.

 

Das Quartett der Pianistin und Komponistin Kirke Karja überzeugte mit seiner kompositionellen Dichte und kreativen Energie. Kurz nach Tampere erlebte die Gruppe zudem Erfolge in Luxemburg, Deutschland und Frankreich. In Tampere nannten viele Leute die Gruppe um Kirke Karja als ihren Favoriten. Das Tandem von Kadri Voorand und Mihkel Mälgand überraschte in vollem Maße. Ihr extrem kühner, aber selbstbewusster Gesang war ein Schock für das Publikum, das mit nicht Estlands Top-Sängerin vertraut war. Das Heavy Beauty Quartett servierte zum Abschluss des Abends einige rockige Melodien mit einnehmenden Bildern und Mustern. Einige spezielle Noten lieferte der Litauer Liudas Mockunas, der Instrumente vom Basssaxophon bis zur Flöte kraftvoll und vielseitig beherrschte.

Rezensionen lobten Kirke Karjas Auftritt für die Vermeidung von Klischees, die unglaubliche Energie von Heavy Beauty und die charismatische und vielseitige Technik von Kadri Voorand. Nach Ende des Konzerts war die Warteschlange für Autogramme lang. Alle waren glücklich.

Das prestigeträchtige London Jazz Festival gab Kadri Voorand und Mihkel Mälgand, dem Weekend Guitar Trio, Erki Pärnoja: Efterglow, Heavy Beauty und Peedu Kass Momentum die Chance, zu glänzen. Die Organisatoren des London Jazz Festivals wählten diese Bands aus, nachdem sie diese bei einem Konzert auf der Tallinn Music Week und dem Jazzkaar gesehen hatten. Am ersten Novemberwochenende gab das Duo Voorand-Mälgand im prestigeträchtigen King's Place zwei Konzerte mit dem britischen Jazz-Saxophonisten Andy Sheppard. Das Publikum belohnte sie mit den höchsten Komplimenten. Jede einzelne Platte, die die Gruppe mitgebracht hatte, verkaufte sich an neugewonnene Fans.

Im großartigen Barbican Centre trat die erfahrene estnische Gruppe Weekend Guitar Trio, bestehend aus Mart Soo, Robert Jürjendal und Tõnis Leemets, auf. Sie waren der Auftakt für ein Konzert des Gitarrengenies Pat Metheny. Es wurde ein volles Haus erwartet. Viele Musikliebhaber, die gekommen waren, um dem amerikanischen Virtuosen zuzuhören, wurden verwöhnt mit atmosphärischer und improvisatorischer Gitarrenmusik des estnischen Trios. Das zweite Konzert des Trios in einem Restaurant des Pizza Express wurde von BBC Radio 3 ausgestrahlt und ist online verfügbar.

Der estnische Tag des London Jazz Festivals war Sonntag, der 19. November. In der geräumigen Eingangshalle des Barbican-Konzertzentrums traten drei besondere estnische Gruppen auf. Die modernen Klänge von Erki Pärnoja: Efterglow ließen die Zuhörer von den ersten Tönen an aufhorchen, und immer mehr Menschen schlossen sich begeistert dieser melodiösen Reise auf der Suche nach Schönheit an. Heavy Beauty schloss sich dem an, ihre Musik füllte das gesamte Gebäude mit dem wunderbaren Klang des Rock-Jazz. Peedu Kass Momentum hingegen forderte mehr Konzentration und lockte auch einige ernsthafte Jazz-Enthusiasten an.

Alle drei Acts durften sich einem großen Publikum und vieler Ovationen erfreuen. Doch wer waren die Leute, die sich an jenem Sonntag auf den Weg zum Barbican Centre gemacht haben? Unter ihnen fanden sich die Organisatoren des Jazzfestivals aus London und Cheltenham, Journalisten, Musikliebhaber, in London lebende Esten und Interessierte, die sich auf unerwartete Weise an diesem Ort fanden und von der Musik fasziniert waren. Denn solch unglaublicher estnischer Jazz war für viele eine Überraschung. Am Sonntagabend, beim Abschlusskonzert des Jazzfestivals, dirigierte Kristjan Järvi das BBC Concert Orchestra. Mit der Gruppe von Terence Blanchard spielten sie eine symphonische Suite und die einzige Sinfonie von Joe Zawinuli, einem der Großen der internationalen Musik, der auch beim Jazzkaar mit dem Jazzensemble Django Bates spielte.

Bei den Konzerten des Programms Jazzpresent to Europe boten die Stände des estnischen Jazz auch Materialien zu estnischen Jazzveranstaltungen und -musikern, Süßigkeiten für die Hundertjahrfeier des Republik Estland sowie Jazzplatten zum Verkauf an. Die ersten drei Jazzgeschenke wurden mit großer Freude entgegengenommen. Die Musiker erfreuten sich daran, dass ihre Musik als etwas Besonderes und Faszinierendes wahrgenommen wurde. Nicht nur beim estnischen Publikum, sondern auch bei Jazzliebhabern in Europa.